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Fotographien, offene Ateliers und viele Besucher: Der Kunstrausch 2016 fand großen Anklang in Herrsching

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 16. September 2016

Wer bei Fotographien in erster Linie an die mitgebrachten Urlaubsfotos denkt, der wurde bei einem Besuch im Kurparkschlösschen schnell eines besseren belehrt. Eindrucksvoll zeigten vier Fotografen im Rahmen des „Kunstrausch 2016", wie vielschichtig ihre Kunstform ist und welche Ausdruckskraft in ihnen stecken kann. Ob extreme Landschaften, kambodschanische Villen, ruhende Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest oder Bilder, die durch die Wahl ihres Ausschnitts ein ganz eigenes Leben erhalten: Glück hatte, wer diese Bilder sehen durfte. Ergänzt wurde der Kunstrausch durch 19 offene Ateliers in Herrsching, in denen einmal mehr gezeigt wurde, welch reiche Künstlerszene dieser Ort besitzt.

Erstmalig fand 2016 die alle zwei Jahre stattfindende Ausstellung der lokalen Kunstszene ausschließlich in den Räumen des Kurparkschlösschens und in den offenen Ateliers der Künstler statt. Und während man sich im Schloss diesmal auf Fotographien beschränkt hatte, zeigten die vielen im Ort ansässigen Künstler in ihren Arbeitsräumen eine breitgefächerte Palette weiterer Ausdrucksformen. Ob Skulpturen, Graphiken, japanische Tuschemalereien, oder Landschaftsbilder aus Erdfarben, deren Zutaten die Landschaftsarchitektin Beatrice Wolny auf ihren Reisen gesammelt hat – die Kunstszene in Herrsching kann sich wirklich sehen lassen und ermöglichte genau das an diesem Wochenende nach den Sommerferien. Ihre Ateliers standen offen für alle Besucher und sie selber gaben gerne Auskunft über ihre Arbeit.
Gleiches galt auch für die vier Fotografen, die mit ihren Werken das Kurparkschlösschen in ein Kunstzentrum verwandelt hatten. An den Tagen der Ausstellung standen sie bereit, um mit den Besuchern über die Hintergründe ihrer Werke zu sprechen. Die Vorsitzende des Kulturvereins Margit Metz begrüßte bei der Vernissage herzlich die vielen Gäste und freute sich sichtlich über den großen Zuspruch dieser Aktion. Viel Arbeit steckte wie immer hinter der Vorbereitung, „die aber mindestens so viel Spaß wie die Ausstellung selber gemacht hat" war sie überzeugt. Vier Fotografen aus Herrsching, Inning und München, die mit ihren Arbeiten eine Vielseitigkeit und Ausdruckskraft zeigten, die einen lange im Schloss verweilen ließ.

Kunstrausch 1

Maximilian Gottwald, Sanne Blessing, Jörg Reuther Margit Metz und Thomas Wieland freuten sich bei der Vernissage über die zahlreichen Besucher zum Auftakt ihrer Ausstellung

Da waren gleich im Eingangsbereich die Fotographien von Sanne Blessing aus Inning. Seit sie als Jugendliche ihre erste Spiegelreflexkamera geschenkt bekam „fotografiere ich eigentlich immer" sagt die gelernte Floristin und Architektin. Die Wahl des Ausschnitts ist der Fokus ihrer Arbeiten, in denen sie die Welt um uns herum präsentiert. Als Einzelwerk oder in Kompositionen zusammengestellt fordern die kleinformatigen Bilder den Betrachter dazu auf, genau hinzuschauen – was übrigens auch auf die Auswahl ihrer Rahmen zutrifft. Schon im Eingangsbereich lässt eine Installation rätseln, was sich hinter den schweren Holzrahmen mit Scharnieren, Schlüsseln und Griffen verbirgt. „Zwei alte Beichtstuhltüren, die mir auf einer meiner Baustellen unter die Hände kamen" löst die Architektin das Rätsel. Genau hinschauen also nicht nur bei der Bildauswahl!

Kunstrausch 2

Bilderrahmen aus den Türen alter Beichtstühle – die Inninger Fotografin und Architektin Sanne Blessing lässt den Blick nicht nur auf ihre Fotos richten

Im Kaminzimmer dann zwei gänzlich verschiedene Motivarten. „Sleeping Beauties" nennt Thomas Wieland seine Auswahl, mit der sich der Münchner in Herrsching präsentierte. 2014 ist diese Auswahl entstanden, als er während des Oktoberfestes seinen Wecker jeden Morgen sehr pünktlich klingeln ließ. Ziel war es, prägnante Fahrgeschäfte ohne Gäste in einem ganz bestimmten Licht festzuhalten. Entstanden sind dabei Abbilder technischer Kunstwerke, wie man sie im Alltag niemals wahrnehmen würde. Wie auf Fixierbildern entdeckt man bei der Betrachtung ständig neue Einzelheiten, die sich als Ganzes zu wirklichen „Beauties" zusammensetzen. Seine langjährige Tätigkeit als Technik- und Wissenschaftshistoriker an der Universität haben Thomas Wieland geprägt und sein geradliniger Stil rückt durch gezielte Reduzierung von Licht- und Hintergrundeffekten die gewählten Objekte auf ganz besondere Weise in den Vordergrund.
Gebäude ganz anderer Art präsentierte sein Nachbar Maximilian Gottwald. Der auf Architektur spezialisierte Herrschinger Fotograph brachte Bilder von einer Reise nach Kambodscha mit, die halbverfallene Villen zeigen, die ihren Ursprung in der französischen Kolonialzeit hatten. Ein mondäner Ferienort, in dem sich nach der Unabhängigkeit dann auch die kambodschanische Elite und Künstler niederließen. Sie erschufen aus den Gebäuden einen ganz neuen Stilmix, der moderne und traditionelle Elemente in sich vereinigte. Die Machtübernahme der Roten Khmer führte zu einem abrupten Ende dieser Periode, in dem sie plündernd und mordend durch diesen Ort trieben und die meisten dieser architektonischen Besonderheiten niederrissen. Die der Natur überlassenen Reste brachte Maximilian Gottwald auf Fotos mit und liefert mit ihnen Zeitzeugnisse einer wechselvollen Geschichte und großartige Bilder.
In ferne Welten ging es dann auch im Dachgeschoss des Kurparkschlösschens, wo der Herrschinger Fotograph Jörg Reuther seine faszinierenden Bilder von extremen Landschaften und ihren Bewohnern ausstellte. Ob Grönland, die Mongolei oder Länder in Afrika, Wüsten aus Sand, Eis oder Salz, Hirten in der Mongolei und Kinder der Inuit – die Bilder ziehen in den Bann, lassen Fernweh entstehen und bringen Regionen der Welt nahe, die kaum einer der Gäste wohl je betreten hat. Immer wieder reist er durch die Welt und fotografierte auch viele Jahre gemeinsam mit dem bekannten Reisefotographen Michael Martin. Es sind Bilder, die durch ihre technische Brillanz und Farbgebung im Gedächtnis bleiben – und bei denen man die Menschen hinter den abgelichteten Gesichtern spüren kann.
Eine Ausstellung, die in ihrer Vielfalt und Auswahl begeisterte – und in Kombination mit den vielen offenen Ateliers ein äußerst breitgefächertes Kunsterlebnis bescherte!

Es berichtete für Sie Barbara Geiling