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Eine literarische-musikalische Hommage an Neil Young - Thomas Kraft stellt den Rockpoeten zu dessen 70.Geburtstag im Kurparkschlösschen vor

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 14. November 2015

„Heart of Gold", „Old Man" oder „Ohio" – bei vielen von uns liefen die Songs von Neil Young früher beständig rauf und runter. Mal besang er voller Weltschmerz die Übel dieser Welt, stimmte patriotisch in die amerikanische Kultur ein, um dann doch wieder in Protestsongs laut und rebellisch gegen die Politik aufzubegehren. Sein Repertoire umfasst eine ungeheure Bandbreite an Musik, die Generationenübergreifend die Menschen verband. Ob solo oder in der Band mit Crosby, Stills, Nash & Young und Crazy Horse, ob melodischer Folk, Grunge oder ein Abstecher in die Welt der Synthesizer: viele seiner Aufnahmen erreichten Kultstatus. Und dass, obwohl seine Stimme doch alles andere als kraftvoll und melodisch ist. Wer steckt eigentlich hinter diesem Künstler, dessen 70. Geburtstag am Donnerstag den 12.11.2015 von scheinbar allen Feuilletons der Pressewelt gefeiert wurde?

Nein, Mainstream wollte er nicht sein. Soviel wird schnell klar, als die ersten Bilder von Neil Young an der Projektionsfläche vor den Gästen im Kurparkschlösschen vorbeiziehen. Ein Mann mit wechselnden Frisuren, die aber bestimmt nie konventionell waren. Und wenn – ganz selten mal – die Kleiderordnung ein Hemd mit Schlips vorsah, dann aber sicher mit einer zerrissenen Jeans dazu. Aber vor allem Bilder eines Mannes mit seiner Gitarre, die er scheinbar nur selten aus der Hand legte. Neil Young war und ist ein begnadeter Musiker, dem sich Thomas Kraft anlässlich seines runden Geburtstages näherte. Eine musikalische aber auch literarische Annäherung, denn Young „ist auch ein Songwriter, der wunderbare Texte geschrieben hat, die viele andere Autoren inspiriert haben".
Zu Beginn des Abends liest Thomas Kraft aus einem Text von Navid Kermani, dem diesjährigen Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, in dem dieser über frühkindliche Erfahrungen mit Neil Young schreibt. Seine von Blähungen geplagte Tochter auf dem Arm, die sich zu den Klängen von „Trip to Tulsa" sichtlich entspannt, bringt ihn zu der Frage, was den Sänger eigentlich ausmacht. Seine für einen Rockmusiker eigentlich unmögliche Stimme könne es ja eigentlich nicht sein. Als jämmerliche, fast fistelhafte Stimme beschreibt er sie, als die eines „kafkaistischen Hungerkünstlers". Davon zumindest ist die Stimme Laura Wachters weit entfernt. Wie schon bei dem Cohen-Abend im vergangenen Jahr begleitete sie mit Steven Lichtenwimmer die Hommage musikalisch. Mit ausdrucksvoller Stimme und perfekter Begleitung auf der Gitarre interpretieren die Beiden Stücke von Young, die unter die Haut gehen.

NeilYoung 2

Ein bewährtes Trio, das einem den Musiker und Songwriter Neil Young auf sehr lebendige Weise nahebrachte: Thomas Kraft, Laura Wachter und Steven Lichtenwimmer

 

Für Neil Young selber waren alle seine Stücke wie Kinder, die er geschaffen,aufgezogen und schließlich in die Welt entlassen hat. Er hing an ihnen und rätselte manchmal über ihren Verbleib nach. Als LP im Regal oder schon auf der Müllkippe, auf CD gebrannt und vor sich hin staubend oder – die schlimmste Vorstellung – das Leben auf einer MP3-Datei fristend, die gerade mal 3% des ursprünglichen Klangs widergibt. Er wusste, dass die Kritiker seine Lieder teils brillant, manche o.k. und andere auch einfach „Schrott" fanden. Aber das hielt ihn nie davon ab, unbeirrt seine Ideen weiter zu verfolgen. Er veränderte seine Stile unabhängig von den Marktgesetzen, wechselte vom Country bis hin zu Heavy Metal und machte auch vor dem Grunge-Rock nicht halt. Große Erfolge auch als Band mit Crosby, Stills, Nash & Young, bis er merkte, dass die Gruppe sich nicht mehr weiterentwickelte. „Wir feierten uns nur noch selber und verloren den Weg aus den Augen." Grund genug für ihn auseinanderzugehen, oder, wie er es bezeichnete, „sich nicht mehr zu erneuern".
Neil Young, ein Mann, der beständig seinen Weg suchte und geht. Aufgewachsen in einem kleinen, trostlosen Ort in Kanada, wo er eine Kindheit voller Krankheiten erlebte, strebte er bald in die Welt hinaus. Seither scheint er seinen Weg zu suchen und zu gehen und – wie Laura Wachter und Steven Lichtenwimmer im abschießenden Lied von ihm singen: „Searching for a Heart of Gold"

Es berichtete für Sie Barbara Geiling