lesen-sie-auch-andere-ortszeitungen Oberdinger Kurier Logo echinger-echo neufahrner-echo haarer-echo mooskurier

Warum die Schildkröte den Aischylos erschlug und eine Trauerrede wie graue Dreiteiler klingen kann: Tilmann Spengler gibt im Kurparkschlösschen eine amüsante Einführung in die Weltliteratur

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 22. Oktober 2014

(Text/Foto: bg) Als „literarischen Tausendsassa" stellte ihn Thomas Kraft in seiner Begrüßung vor, der auf so vielen Gebieten souverän unterwegs sei. Als studierter Sinologe und Soziologe befasst er sich nicht nur mit Literatur, sondern begleite „als politischer Kopf die Republik essayistisch", verdingt sich als vielseitiger Redenschreiber, Journalist bei namhaften Zeitschriften und trat auch als Autor eines Buches über Rückenleiden hervor. Und nun eine Abhandlung über Glücksfälle der Weltliteratur: in „Haben Sie das alles wirklich im Kopf" lädt Tilmann Spengler seine Leser ein zu einer Reise durch zweieinhalb Jahrtausende Literaturgeschichte. Auf Einladung des Kulturvereins las der Autor aus seinem jüngsten Werk – und unterhielt das Publikum mit zahlreichen lustigen Anekdoten.

Thomas Kraft bewundert den Autor für den Mut, sich an so ein Thema zu wagen. Eine Abhandlung über Glücksfälle der Weltliteratur zu schreiben sei eine Herausforderung und der zeitliche Rahmen von zweieinhalb Jahrtausenden ist da auch keine wirkliche Einschränkung. Der Hintergrund seines jüngsten Werkes ist eine Sendereihe im Bayrischen Rundfunk, in der sich Spengler eben diesem Thema widmet. Hier werden Autoren von Homer bis Kafka über Dostojewski bis Raymond Chandler vorgestellt, um den Zuschauern die wichtigsten Werke aus rund 2.500 Jahren Literaturgeschichte näher zu bringen. „Haben Sie das alles im Kopf" stellte Kraft dem Gast die Frage, um sie gleich selber für ihn zu beantworten: „Nein, aber aufgeschrieben!" – und traf damit den Ton des Autors, der aus diesem Abend ein äußerst unterhaltsames, informatives und humorvolles Ereignis machte.

Spengler 3

„Haben Sie das alles wirklich im Kopf?" lautet der Titel des jüngsten Buches von Tilmann Spengler, aus dem er – unter anderem – an diesem Abend las


Bei so einer Lesung wäre häufig die Einleitung das Lustigste des ganzen Abends, meinte Spengler einleitend – um diesen Satz bald darauf Lügen zu strafen. Handelt das Buch über Glücksfälle der Weltliteratur, so findet man in Tilman Spengler „ein erfrischendes Exotikum, ein Mann, der nicht trennen mag zwischen politischer Stellungnahme und literarischer Fabulierlust, zwischen aktueller Reportage und wissenschaftlichem Zugriff, zwischen launigem Witz und scharfzüngigem Ernst" – wie die Süddeutsche Zeitung anlässlich einer Preisverleihung schrieb. Tilmann Spengler ist ein hervorragender Beobachter der Gesellschaft und kann das Gesehene in so treffende Wörter fassen wie nur wenig andere. Mit viel Selbstironie erzählt er fast mehr, als das er liest – und findet dennoch den roten Faden durch den Abend. Wie es zum Cover des Buches kam, auf dem sein „bezaubernder" Kopf den Leser betrachtet (dem Verlag geschuldet, der glaubt das Fernsehzuschauer der Serie so auch beim Buch im Pawlow'schen Reflex zugreifen). Wie der Bayrische Rundfunk die Drehtermine aus Spargründen so weit kürzte, das inzwischen 3 -4 Sendungen an einem Tag entstehen und man letztendlich keine Ahnung mehr hat, ob Tom Sawyer eine Figur bei Shakespeare sei. ... „Aber ich wollte Ihnen ja etwas vorlesen" stoppt er sich selber, um gleich darauf hinzuweisen, dass er an diesem Abend auch etwas Neues vorstellen will.
Mit dem Hinweis, dass signierte Bücher eine echte Kapitalanlage seien, beginnt er dann auch wirklich einige Abschnitte seines Buches vorzustellen. Er versuche, Teile der Biographie der vorgestellten Autoren mit dessen Texten in Korrespondenz zu bringen und so erfährt der Zuhörer/Leser z.B. so einiges über den Lebensweg von Heinrich Böll. Er charakterisiert dessen Sprache und stellt den Hintergrund dieses berühmten Schriftstellers dem gegenüber. Er analysiert, vergleicht, stellt wichtige Werke vor – und erlaubt sich bei allen Fakten auch immer eigene Gedanken über die vorgestellten Persönlichkeiten. Heinrich Böll, Selma Lagerlöf, Gerhart Hauptmann oder J.W. von Goethe, Ibsen und Kleist ... es wird eine bunte Mischung in diesem Buch behandelt.
Doch werden an diesem Abend nur zwei Kapitel dieses Buches vorgestellt, will Tilmann Spengler doch noch die Reaktion auf sein neu angefangenes Werk erfahren. Ein Buch über den Maler Immendorff, mit dem er eine freundschaftliche Beziehung gepflegt hatte. Immendorff betrachtet aus seinem Selbstportrait heraus die eigene Totenfeier und kommentiert die verschiedenen Redner und anderen Gäste. In seinen Kommentaren spiegelt sich die feine Beobachtungsgabe Spenglers für die Gesellschaft wieder, die er mit feiner Ironie und großer Sprachgewandtheit beschreibt. Der Applaus des Publikums beruhigt ihn, fand er die eigene Geschichte beim „Schreiben noch wundervoll, aber beim Lesen vorhin in der S-Bahn einfach grauenhaft".
Es war ein amüsanter Abend mit diesem vielseitigen Mann, dem eine einfache „Lesung" wohl zu langweilig erschien. Anekdoten, Kommentare, Geschichten aus dem Leben – und der Kontakt zum Publikum machten daraus eine kurzweilige Sache.
Und übrigens: Aischylos wurde von der Schildkröte erschlagen, als er die Lichtung eines Hains aufsuchte. Ein Vogel verwechselte dessen Glatze (welche der Nachweis heftigen Denkens ist) mit einem Stein und lies die Beute darauf fallen, um den Panzer zu knacken...